Das Luder

Filme
Datum: Freitag, 21. Juli 2017 21:15

Eintritt:
6 Euro

Das Luder
OT: Vita segreta di una diciottenne, I 1968, 76 Min., dF, 35mm, R.: Oscar Brazzi, D.: Sergio Ammirata, Mimma Biscardi, Marcello Bonini Olas, Rossano Brazzi, Dante Cona

Dank einer Kopienleihgabe von STUC-Fördermitglied Udo Rotenberg gleiten wir mit dem offiziellen Eröffnungsfilm des 3. STUC - nach dem traditionellen spätnachmittäglichen Abstecher in die Stadt der Liebe Bangkok - samtstählern in ein exzessives Festivalwochenende hinein. Zur Vorstellung dieses Kleinods erteilen die STUCateure freudig das Wort an den Leihgeber persönlich.

"Der plakative deutsche Filmtitel DAS LUDER kann nur als Kommentar verstanden werden, denn mit dem Originaltitel VITA SEGRETA DI UNA DICIOTENNE hat er nichts gemein. Aber bei einer 18jährigen, deren "geheimes Leben" hier im Mittelpunkt steht, konnte es sich nur um ein "Luder" handeln. Ein idealer Filmtitel, der ein wenig Empörung heuchelt, gleichzeitig den interessierten Kinobetrachter anlocken sollte. Für (STUC-Leitstern, d. Kur.) Erwin C. Dietrich, dessen Produktionsgesellschaft den Film im deutschsprachigen Raum vermarktete, ein passender Baustein in seinem Erotik-Film Portfolio.

Ende der 60er Jahre standen die Zeichen auf sexuelle Freizügigkeit. Dem deutschen Markt hinkte das italienische Kino aufgrund der strengen, stark von der katholischen Kirche beeinflussten Zensur hinsichtlich der Nuditäten hinterher, in Sachen gesellschaftspolitischer Brisanz besaßen sie einen großen Vorsprung. Sexualität hatte für die politisch linksgerichteten Filmkünstler eine große Bedeutung als Bruch mit den bürgerlichen Konventionen und wurde seit den 50er Jahren entsprechend provokativ eingesetzt. Besonders die Episodenfilme der 60er Jahre, an denen ein breites Spektrum der italienischen Filmregisseure mitwirkte, badeten geradezu in allen möglichen Variationen der sexuellen Interaktion, dabei die Rolle der Frau sexuell selbstbestimmt interpretierend. Nur optisch wahrte man weiterhin Zurückhaltung.

Auch Oscar Brazzis künstlerische Wurzeln lassen sich hier wiederfinden. Bevor er selbst ins Regie-und Drehbuch-Fach wechselte, hatte er als Produktions-Assistent mit Roberto Rossellini (VIVA L'ITALIA, 1961), Luchino Visconti (VAGHE STELLE DELL'ORSA ..., 1965) und Franco Rossi (UNA ROSE PER TUTTI, 1967) zusammen gearbeitet. Zuletzt wirkte er an der Produktion von Marco Bellocchios CINA E VICINA (1967) mit, eine böse Komödie über den Missbrauch politischer Ideale der Linken, die in dieser Phase auch in bürgerlichen Kreisen als chic galten. Darin gibt es eine Szene, in der junge Kommunisten mit einer Prostituierten schlafen, nachdem sie zuvor die Übereinstimmung mit Maos ideologischen Idealen festgestellt hatten. Gespielt wird die junge aus der Arbeiterklasse stammende Prostituierte von Mimma Biscardi in einer kleinen Nebenrolle. In Oscar Brazzis ersten zwei Filmen erhielt sie die Hauptrolle.

Vor dem LUDER kam IL DIARIO SEGRETO DI UNA MINORENNE (È NATA UNA DONNA) - das geheime Tagebuch einer Minderjährigen - als erster Film einer Trilogie heraus, die mit INTIMITÀ PROIBITA DI UNA GIOVANE SPOSA (Verbotene Intimitäten einer jungen Ehefrau) abgeschlossen wurde. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Rossano, seit den 40er Jahren ein renommierter Darsteller im italienischen Kino, und Regisseur Renato Polselli, selbst Aktivposten im Erotikfilm, entwarf Oscar Brazzi drei inhaltlich getrennte, chronologisch aufbauende Filme über die "neue Rolle" der Frau in der italienischen Gesellschaft. Nur der zweite Teil kam in die deutschen Kinos, weshalb die ersten drei Minuten, die auf den Erstling verwiesen, herausgeschnitten wurden.

Diese Ignoranz gegenüber dem Gesamtwerk lässt sich generell feststellen, denn Brazzis ambitionierter Einblick in das Sexualleben junger Frauen blieben höhere Weihen verwehrt. Zu sehr stand er unter dem Verdacht, mit seinem psychologischen Überbau nur den Voyeurismus der Zuschauer bedienen zu wollen. Damals offensichtlich noch ein K.O.-Kriterium, denn die Trilogie ist aus dem Kino-Gedächtnis verschwunden und auch die deutschsprachige Fassung von DAS LUDER wartet hierzulande noch auf seine Wiederentdeckung. Jetzt gibt es die seltene Gelegenheit auf 35mm, noch mit schönen Farben und nur leichtem Rotstich."

(Udo Rotenberg)

 

 

 

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  • Freitag, 21. Juli 2017 21:15