Die trüben Tassen der Stube 9

Filme
Datum: Sonntag, 23. Juli 2017 17:00

Eintritt:
6 Euro

Die trüben Tassen der Stube 9
OT: La soldatessa alle grandi manovre, I 1978, 92 Min., dF, 35mm, R.: Nando Cicero, D.: Edwige Fenech, Renzo Montagnani, Michele Gammino, Alvaro Vitali, Lino Banfi

Auch die schmucken Uniformen können nicht darüber hinwegtäuschen – dem gemeinen Italiener ist das Militärische nicht geheuer. Ein Charakterzug, der sich nicht nur in den „Militärklamotten“ der 60er und 70er Jahre auslebte, sondern auch in ernsthaften Auseinandersetzungen wiederfinden lässt. Flucht vor dem Militärdienst, Desertation oder die Abkehr von Befehl und Gehorsam wurden auch in UOMINI CONTRO (1970, Francesco Rosi) oder LE SOLDATESSE (1965, Valerio Zurlini) thematisiert, immer mit klaren Sympathiezuweisungen in Richtung des einfachen Soldaten. Auch im deutschen Film lassen sich früh im militärischen Umfeld spielende Komödien finden (WENN POLDI INS MANÖVER ZIEHT, 1956), deren Handlung aber in der Regel zeitlich zurückversetzt wurde. Zudem wurde der „Schütze Arsch“ meist mit einem ungnädigen Feldwebel oder Hauptmann konfrontiert, während die Oberbefehlshaber von den Verballhornungen unberührt blieben. Eine auf jeden gesellschaftskritischen und historischen Kontext verzichtende, im Bundeswehr-Umfeld der damaligen Gegenwart der 70er Jahre spielende deutsche Komödie, die auch vor Generälen nicht Halt machte, ist mir nicht bekannt.

Im deutschen Kino war man in dieser Hinsicht auf die Italiener (und Franzosen) angewiesen, ohne dass hierzulande die Bedeutung dieser vergnüglichen Respektlosigkeit Anerkennung findet. Für Regisseur und Autor Nando Cicero, einer der Protagonisten der „Comedia sexy all’italiana“ der 70er Jahre, war die Militärkomödie dagegen schon altbekanntes Terrain. Sein LA SOLDATESSA ALLE GRANDI MANOVRE war der dritte Film mit Edwige Fenech nach LA DOTTORESSA DEL DISTRETTO MILITARE (Die Knallköpfe der 6. Kompanie, 1976) und LA SOLDATESSA ALLA VISITA MILITARE (Die letzten Heuler der Kompanie, 1977). Ähnlich wie bei der ebenfalls von Nando Cicero initiierten L'INSEGNANTE (Lehrerinnen)-Reihe, wurden die Zuordnungen angeblicher Fortsetzungen in der deutschen Veröffentlichungspraxis gerne frei interpretiert. Die „Frau Doktor“ (Dottoressa) war häufiger Gast in diversen Erotik-Komödien, mit Ciceros Militär-Reihe hatte sie darüber hinaus nichts zu tun.

Zwar wechselte Edwige Fenech im Filmtitel zur „Soldatin“, aber ihre Position innerhalb des männlich geprägten Umfelds wurde gewahrt. In ihrer strahlenden Schönheit, mit ihrer Intelligenz und ihrem seriösen Auftreten, blieb sie der größtmögliche Kontrast zur männlichen Spezies, die sich trotz ihres verlotterten und idiotischen Auftretens nicht davon abhalten ließ, unisono hinter ihr her zu sabbern. Sexuelle Interaktionen mit der schönen Edwige waren reine, schön ins Bild gerückte Fantasien, der Blick auf ihren Körper entsprang meist abenteuerlichen Spanner-Versuchen, die häufig zu wilden Slapstick-Einlagen führten. Ein genialer Trick der Macher, die damit die Identifikation mit den Protagonisten erhöhten, denn dem (meist männlichen) Kinobesucher erging es letztlich nicht besser. Jetzt gibt es endlich wieder die Möglichkeit, diese Erfahrung in satten Farben auf der Kinoleinwand zu wiederholen.

(Udo Rotenberg)

 

 

 

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