KEOMA
KEOMA
ITA 1976 – DF – 93 Min. – 35mm – CS
Regie Enzo G. Castellari
Buch Mino Roli, Nico Ducci, Luigi Montefiori, Enzo G. Castellari
Kamera Aiace Parolin
Musik Guido & Maurizio de Angelis
Mit Franco Nero, William Berger, Woody Strode, Olga Karlatos, Donald O`Brien
Das Halbblut Keoma hat während des Sezessionskriegs auf der Seite des Nordens gekämpft und kehrt als Sieger in den unterlegenen Süden zurück. Zu jenem Mann, der ihn einstmals adoptierte: William Shannon. Doch dessen Söhne, Keomas Stiefbrüder, sind von Keomas Rückkehr ebenso wenig begeistert wie Caldwell, der die gesamte Stadt mithilfe eines Bunch ruchloser Desperados terrorisiert. Unbequeme Stadtbewohner werden in ein Bergwerkcamp deportiert, wo sie inmitten von Pocken- und Cholerakranken auf den erlösenden Tod warten. Unter den just Deportierten entdeckt Keoma die schwangere Lisa, die er aus den Krallen teuflischer Bestien befreit und im Zuge dessen einen Krieg aktiviert, den er niemals gewinnen kann.
Ende der 1960er war die große Zeit der italienischen Western abgelaufen. Was in der folgenden Dekade dennoch positiv auffiel, war eine Experimentierfreudigkeit wie sie Genrevertreter wie z.B. »Willkommen in der Hölle« und »Kein Requiem für San Bastardo« belegen. En passant legten viele (während der Götterdämmerung agierende) Westerner sämtliche Hemmungen ab und hinterließen den Eindruck, als hätten sie eine umfangreiche Ausbildung in der Manson Family absolviert. Ergo etablierten sie jene psychopatischen Prototypen, die bereits in Genre-Klassikern wie »Töte, Django« (1967) und »Il Nero« (1969) ihr Unwesen trieben.
Viele dieser skrupellosen Sadisten treffen wir in »Keoma«. Es regiert die Grausamkeit, die Menschenverachtung, die Barbarei. „Die Welt ist schlecht“ - sagt Keoma. Und er ist es, der diese schlechte Welt durchwandert, um den Kampf gegen ihre Antagonisten aufzunehmen. Fortwährend den Tod (in Person einer alten, grauhaarigen Frau) an seiner Seite. Was freilich Gedanken an Ingmar Bergmans »Das siebente Siegel« (1957) aktiviert.
Ein weiterer Verweis in Richtung Bergman: »Keoma« reflektiert wie »Das Schweigen« (1963) einen Film über das Leiden an der Gesellschaft. Und jenes Leiden, jener Schmerz wird von Sibyl Mostert (der Interpretin des Titelsongs) eindrucksvoll in das Wasteland (das Ödland) hinein geschrien. Ein Ödland in dem Pocken und Cholera sowie ein Bunch gesinnungsloser Südstaatler unter der Regie von Colonel Caldwell regieren.
Der Filmregisseur Enzo G. Castellari ist für »Keoma« ein wahrer Glücksfall. Sein Einsatz von Zeitlupen ein fortwährender Genuss. Aiace Parolin (Kamera) und Gianfranco Amicucci (Montage) laufen als Castellaris Sidekicks zur Höchstform auf. Das rasche Chargieren zwischen diversen Kameraeinstellungen, die Präsentation von induzierter Bewegung, die Parallelmontagen, die Rückblenden – das alles und noch viel mehr ist ein Fest für das Rezipientenauge.
»Keoma« vereint Samurai-, Horror- und Passionsfilm. »Keoma« zitiert diverse Subgenres des US-amerikanischen Westernkinos (schwarze Cowboys, Epidemie-Western, Quantrill-Western etc.). »Keoma« macht so viel – und was noch viel wichtiger ist: »Keoma« macht alles richtig!
Frank Faltin