Andy Warhols Frankenstein

Filme
Datum: Mittwoch, 10. Oktober 2018 21:15

Eintritt:
6 Euro

Andy Warhols Frankenstein

Frankreich/Italien/USA 1973, 95 Min, dF, 35mm, R.: Paul Morrissey, D.: Joe Dallesandro, Monique Van Vooren, Udo Kier

Baron Frankenstein arbeitet mit großer Besessenheit an seinem Lebenswerk. Sein Ziel ist es, aus diversen Leichenteilen zwei perfekte Menschen zu erschaffen, die gemeinsam Kinder zeugen können. Dies soll aber nur der Beginn eines neuen Menschengeschlechts sein, dessen Führer Frankenstein selbst werden will. Währenddessen erzieht seine Schwester nicht nur deren Kinder, sondern widmet sich auch ausgiebig dem männlichen Personal des Schlosses. Als Frankensteins Pläne an der Potenz seines männlichen Wesens zu scheitern drohen, nimmt sich die Schwester der Sache an ... (Quelle: www.ofdb.de)

Paul Morrissys Film lässt sich von Shelleys Roman lediglich inspirieren, konzentriert sich auf gelungene und realistische Splatterszenen (1973 im Kino sogar in 3-D) und ist trotz der nicht gänzlich geschmackssicheren und bildungsbürgertauglichen Inszenierung nicht naiv. Vielmehr transportiert er die Geschichte um den „modernen Prometheus“ in einen Film über groteskes Herrenmenschentum und ist dabei deutlich von der Post-68er-Ära beeinflusst.

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

 

 

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  • Mittwoch, 10. Oktober 2018 21:15