Gothic

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Datum: Freitag, 30. November 2018 21:15

Eintritt:
6 Euro

Gothic

Großbritannien 1986, 87 Min., dF, 35 mm, R.: Ken Russel, D.: Gabriel Byrne, Julian Sands, Natasha Richardson, Timothy Spall

Der junge Dichter Percy Shelley, seine Verlobte Mary Godwin und ihre Halbschwester Claire Clairmont kommen in der Villa des exzentrischen und berühmten Dichters Lord Byron zusammen. Der hält sich mit seinem Leibarzt John William Polidori im schweizerischen Exil am Genfer See auf, um sich sensationsgierige Touristen vom Leib zu halten. In einer regnerischen Nacht werden Drogen konsumiert, kleine Seancen abgehalten und sich Geistergeschichten erzählt. Während sich der Lord und Percy auf Anhieb gut verstehen, ist Mary noch skeptisch, denn die Villa scheint sonderbar und gruselig. Nach und nach kommen die persönlichen Ängste ans Licht, Ängste, die eine der Anwesenden, die schöne Mary zu einem Klassiker der Horror-Literatur beeinflussen werden: „Frankenstein“.
(filmstarts.de)

„Hat sie eigentlich jemand gezählt, die irritierten Zuschauer, die einen Horrorfilm erwarteten, als sie sich entschlossen, Ken Russels „Gothic“ eine Chance zu geben? Stattdessen bekamen sie die grellbunte und hysterische Geschichte einer Schreckensnacht, die zur Geburtsstunde des modernen Horrorgenres werden sollte.(…) Ken Russel sieht und erkennt sich – gar nicht bescheiden - selber im Spiegel von Lord Byron, um einen faszinierenden Blick auf die Wurzeln des Horrors zu werfen. „Gothic“ ist weniger ein Horrorfilm, als ein Film über die seelischen Abgründe und sexuellen Angstvisionen, die im Horror ihre literarische Sublimierung erfahren. Ausnahmsweise übt sich Ken Russel in künstlerischer Selbstdisziplin, um seinen exaltierten, sich um Geschmacks- und Kitschgrenzen wenig scherenden Regiestil ganz in den Dienst des anspruchsvollen Konzeptes zu stellen. Prompt kam eine seiner geschlossensten künstlerischen Leistungen heraus.“ (Fastmachine, www.ofdb.de)

 

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

 

 

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  • Freitag, 30. November 2018 21:15