Der Gigant
Orginaltitel: An Eye for an Eye, USA 1981, 104 Min., deutsche Fassung, digital, Regie: Steve Carver, Darsteller: Chuck Norris, Christopher Lee, Mako, Richard Roundtree
Bevor der handwerklich versierte Regisseur Steve Carver Karate-Champ Chuck Norris mit „McQuade – Der Wolf“ seinen großen Durchbruch bescherte, drehte er mit ihm den nicht ganz so erfolgreichen, aber doch ganz interessanten „Gigant“.
Die Story lässt sich, wie bei quasi jedem Norris-Film, in wenigen Sätzen schildern: „In San Francisco kämpft die Polizei gegen die anwachsende Drogenkriminalität. Bei einem Einsatz laufen Sean Kane (Chuck Norris) und sein Partner Dave (Terry Kiser) in einen Hinterhalt. Kane muss hilflos mitansehen, wie Dave brutal ermordet wird. Wenig später wird auch noch seine Bekannte, die Fernsehreporterin Linda (Rosalind Chao) getötet: Im Rahmen ihrer Recherchen hatte sie wohl zu viel Staub aufgewirbelt. Kane quittiert den Dienst und begibt sich auf eigene Faust auf die Fährte des Mörders. Zur Hand geht ihm dabei James Chan (Mako), der Vater von Linda …“ (Oliver Nöding, Remember It For Later)
Von den sonstigen Filmen aus der Frühphase von Chuck Norris, die von ideenarmen Stories und Inszenierungen im Stil zweitklassiger TV-Produktionen geprägt waren, hebt sich dieses Werk doch ein wenig ab: Es wird mehr und härtere Action geboten, man hat den legendären Christopher Lee als Schurken und nicht zuletzt seinen unglaublich bizarren Gehilfen Professor Toru Tanaka an Bord.
In Memoriam Chuck Norris
„Wenn Chuck Norris ins Wasser fällt, wird Chuck Norris nicht nass – das Wasser wird Chuck Norris.“
Mit solchen „Facts“ wurde Chuck Norris weit über sein eigentliches Filmschaffen hinaus zur Popkultur-Ikone. Entstanden im Umfeld amerikanischer Late-Night-Shows der 2000er-Jahre und verbreitet durch das frühe Internet, existiert er für viele heute vor allem als Meme – als überlebensgroße, fast zeitlose Idee. Für ein älteres Publikum hingegen hat diese Figur ein konkretes Gesicht: das des Actionhelden der 1980er-Jahre, der mit stoischer Wortkargheit und geballter Schlagkraft für Recht und Ordnung sorgt.
Durch diese Kunstfigur erklärt sich auch sein filmisches Werk: Anders als bei Zeitgenossen wie Schwarzenegger oder Stallone sticht bei Norris kein einzelner Film mit eigenständiger popkultureller Relevanz hervor, sondern eher die Wiederholung eines etablierten Typus. Sein Auftritt 1972 als Gegner von Bruce Lee in „Way of the Dragon“ deutet diese körperliche Präsenz bereits an, die sich in den folgenden Jahren zum Idealbild des „Law and Order“-Vollstreckers verfestigte. In der Zusammenarbeit mit der Cannon Group fand dieser Typus ein ideales Umfeld: ein Kino, das auf Wiedererkennbarkeit, maximale Verlässlichkeit und die Bedienung simpler Konfliktmuster setzt.
So entsteht ein Œuvre, das weniger durch Entwicklung als durch Konsequenz geprägt ist: ein geschlossenes Heldenbild, das den Zeitgeist der Reagan-Ära vielleicht konsistenter widerspiegelt als jedes andere, zugleich aber auch die Grenzen dieser Eindeutigkeit offenlegt. Und genau diese stabile Selbstähnlichkeit seiner filmischen Persona ist es, die mehr ist als die Summe seiner Filme, sie förmlich überstrahlt. Weswegen Chuck Norris zu Recht in die Filmgeschichte eingegangen ist. Besser gesagt: Die Filmgeschichte hat sich um ihn herum geschrieben.