Pink Flamingos
USA 1972, 93 Minuten, Originalversion mit deutschen Untertiteln, 35 mm, Regie: John Waters, Darsteller: Divine, Davis Lochary, Mink Stole
Inspiriert vom juristisch und genretechnisch epochemachenden „Deep Throat“ (1972), inszeniert John Waters gekonnt dilettantisch noch im selben Jahr seinen Beitrag zum Wettkampf um den Titel der schmutzigsten Person der Gegenwart. Nie wurden inzestuöse Fellatio und Babyhandel mit versklavten Collegegirls so avantgardistisch in Szene gesetzt. Mangelndes Budget und die provozierte Camp-Ästhetik gaben sich dabei die Klinke in die Hand.
Zurecht fragte sich der Pionier des queeren Schundfilms, welch für die Leinwand bisher unbekannten Abscheulichkeiten auf legalem Wege nach Start der Pornowelle noch umgesetzt werden können. Und er enttäuscht nicht. Denn dieser Film macht betroffen. Neben dem Verdrängten der vermeintlich sexpositiven 70er zeigt uns der Film auch die Utopie des sexuell Möglichen. Nicht nur präsentiert uns der neue audiovisuelle Sex die Macht des Kinos der kleinen Leute, sondern rückt auch die Randgruppenerotik und deren Verständnis von Schönheit ins Rampenlicht.
John Waters zum 80.
John Waters wurde am 22. April 1946 in Baltimore als Sohn katholischer Eltern geboren. In der Schule scharte er bereits eine Gruppe um sich, die sein Kunstverständnis teilte: Die „Dreamlanders“, wie sich Cast und Crew fortan nannten, wurden mit John Watersʼ ersten Langfilmen „Multiple Maniacs“, „Pink Flamingos“ und „Female Trouble“ zu Ikonen. Einer seiner Stars war Harris Glenn Milstead, besser bekannt als Divine.
Die Filme von John Waters erlangten große Underground-Berühmtheit und trugen maßgeblich zur Entwicklung des Midnight-Movie-Formats bei. Seine größten Vorbilder waren Rainer Werner Fassbinder, Ingmar Bergman, Herschell Gordon Lewis und William Castle. Abseits des guten Geschmacks kreierte der selbst ernannte „Schmuddelkönig von Hollywood“ Filme, die bewusst das bisherige Kinoverständnis infrage stellten und durch zahlreiche Tabubrüche die Zensur provozierten. Dies gelang ihm stets mit beißendem Humor und einer scharfsinnigen, hintergründigen Inszenierung. Seine Themen haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.