Der bedauerlicherweise im November vergangenen Jahres verstorbene Udo Kier war einer der charismatischsten und schillerndsten deutschen Schauspieler. Er gab jedem Film einen besonderen, oft auf exzentrische Weise eleganten Anstrich. In dieser Hinsicht war es sogar beinahe egal, ob er zu den Hauptdarstellern des jeweiligen Streifens gehörte. Selbst in Nebenrollen gelang es ihm, höchst markante Akzente zu setzen. Bereits seine Rollenauswahl war durchaus eigenwillig: Er wirkte in tabubrechenden, bis heute unvergessenen Exploitation-Klassikern wie „Schamlos“, „Hexen bis aufs Blut gequält“, „Die Insel der blutigen Plantage“ oder „Andy Warhol’s Frankenstein“ mit. Er war in Underground-Filmen von Christoph Schlingensief vertreten, ebenso in Arthouse-Klassikern von so unterschiedlichen Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Lars Von Trier oder Gus Van Sant, aber auch in einigen Hollywood-Blockbustern.
Wir zeigen eine Auswahl sehenswerter und ungewöhnlicher Werke.
Hexen bis aufs Blut gequält
BR Deutschland 1970, 97 Minuten, deutsche Fassung, digital, Regie: Michael Armstrong, Adrian Hoven, Darsteller: Herbert Lom, Udo Kier, Olivera Vučo, Herbert Fux, Michael Maien
Mit „Hexen bis aufs Blut gequält“ lieferte das deutsche Kino 1970 einen erstaunlich kompromisslosen Beitrag zum damals international florierenden Hexenjäger-Exploitationfilm. Deutlich inspiriert vom britischen „Witchfinder General“, verlegt der Film seine Grausamkeiten in eine scheinbar idyllische Alpenlandschaft – und zieht genau aus diesem Kontrast seine größte Wirkung.
Nach einem provokanten Auftakt aus Nonnenverfolgung und Scheiterhaufen versichert der Film augenzwinkernd, auf realen historischen Fällen zu beruhen. Eine Behauptung, die weniger der historischen Genauigkeit als der Schockverstärkung dient, deren bitterer Kern jedoch kaum zu leugnen ist: Religiöser Fanatismus war im Mittelalter ein ebenso effektives Machtinstrument wie persönliche Rachsucht. In einem kleinen Dorf herrscht zunächst der widerwärtige Hexenjäger Albino (Reggie Nalder), bis der Oberinquisitor Lord Cumberland (Herbert Lom) gemeinsam mit seinem Adlatus Christian von Meruh (Udo Kier) eintrifft – und klar macht, dass ein Machtwechsel nicht automatisch Menschlichkeit bedeutet.
Was folgt, ist Exploitation in Reinform: lose verbundene Anklagen, Folterungen und Machtspiele, zusammengehalten durch die Geschichte der Schankmaid Vanessa (Olivera Vuco), deren persönliche Intrigen exemplarisch für den Missbrauch der Hexenprozesse stehen. Erzählerische Eleganz ist dabei zweitrangig, doch die Folterszenen sind für ihre Zeit bemerkenswert explizit, ohne in monotone Effekthascherei abzurutschen.
Besonders reizvoll ist der ironische Ton: Romanzen im Stil des Heimatfilms, begleitet von schwelgerischer Musik von Schlagerstar Michael Holm und Postkartenpanoramen, kollidieren frontal mit Brutalität und Zynismus. Herbert Lom glänzt mit kalter Autorität, Reggie Nalder ist pures Ekelkino, und Udo Kiers stoische Präsenz wirkt unfreiwillig komisch. „Hexen bis aufs Blut gequält“ ist damit ein böser Anti-Heimatfilm, roh, widersprüchlich und stellenweise überraschend kritisch – ein putziger, aber giftiger Ausreißer im deutschen Genrekino.
Der in Deutschland lange Zeit verbotene und hier ungeschnitten zu sehende Skandalfetzer hinterließ durchaus seine Spuren in der Filmgeschichte. 2014 fand gar ein zweitägiges wissenschaftliches Symposium der Universität Wien nur zu diesem Film statt.
In der Ankündigung hieß es: "Nach langen Jahren, in denen er nur schwer erhältlich war, hat sich der einstige Skandalfilm "Hexen bis aufs Blut gequält" (1970) zu einem der intensivst rezipierten Werke des deutschsprachigen Exploitationkinos entwickelt. Sein unwahrscheinlicher Werdegang vom berüchtigten Publikumserfolg zum Kultobjekt, der v. a. cinephilem Engagement zu verdanken ist, wird nun auch auf wissenschaftlicher Ebene erschlossen. Zur Erforschung dieses randseitigen Kapitels europäischer Filmgeschichte soll das hier vorgestellte Symposium nachhaltig beitragen."