Mögen sie in Frieden ruhen
(Requiescant)
Italien, BRD 1967 | ca. 92 Min. | deutsche Fassung | 35mm [1.85:1]
Regie: Carlo Lizzani
Musik: Riz Ortolani
Kamera: Sandro Mancori
Drehbuch: Renato Izzo, Franco Bucceri, Adriano Bolzoni, Armando Crispino, Lucio Battistrada, Adriano Bolzoni, Carlo Lizzani, Pier Paolo Pasolini
Darsteller: Lou Castel, Mark Damon, Pier Paolo Pasolini, Barbara Frey, Franco Citti
Mittels einer List gelingt es George Bellow Ferguson die Bewohner San Antonios kraft seiner Schergen zu massakrieren. Der einzige Überlebende, ein kleiner Junge, wird von einer Wanderpredigerfamilie aufgelesen und nach den Gesetzen der Bibel aufgezogen. Als einige Jahre später deren Tochter Princy fortläuft, um sich einer Tanztruppe anzuschließen, beschließt das mittlerweile zum Manne gereifte Findelkind, Princy zurückzuholen. Der Zufall will es, dass ihn seine Odyssee zu Ferguson, dem Mörder seines leiblichen Vaters, führt.
Carlo Lizzani stand in der Tradition des Neorealimus sowie des Cinema di denuncia, dem Kino der Anprangerung. Seine aus dieser Liaison geschaffenen Werke wirken semidokumentarisch (Die Banditen von Mailand), unverblümt (Straßenmädchen-Report) wie schockierend (San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen).
Wer in Lizzanis Œuvre stöbern mag, wird nebst zuvor genannter Titel zwei Western entdecken, die 1966 an den Kinokassen debütierten. Der passable Eine Flut von Dollars sowie der überragende Mögen sie in Frieden ruhen. Ein außergewöhnlicher Western, der zwei Grundthemen simultan ablaufen lässt: Die Rachestory mit melodramatischen Zügen sowie die politische Allegorie, die sich um das Aufbegehren gegen den Kapitalismus dreht.
Wo Kapitalismus herrscht, ist die Aristokratie nicht weit. Und nicht zuletzt Bram Stoker lehrte uns, dass die Aristokratie das Halbwesen, den Vampir (das Symbol für die Ausbeutung), birgt.
Der Charakter George Bellow Ferguson eint den Aristokraten, den Tyrannen sowie den allegorischen Blutsauger. Er ist der Inbegriff des Kapitalismus. Beruft sich stets auf seinen Adelsstatus und ist nahezu manisch-obsessiv darauf erpicht, seine Souveränität auszuleben, um sich an seiner Selbsterhöhung zu ergötzen - als Herr über Leben und Tod. Verkörpert von einem leichenblassen Mark Damon, der in einen schwarzen Umhang gehüllt (ergo optisch) dem Dracula der Hammer Film Productions deutlich näher ist als dem IW-Schurken.
Leider fiel ein wichtiger Monolog der bundesdeutschen Filmschere zum Opfer, der Fergusons abgrundtiefen Frauenhass fundiert und einhergehend dem filmwissenschaftlichen Evergreen von einer latent vorhandenen Homosexualität (Bellow Ferguson / Dean Light) auf die Sprünge hilft.
Fergusons Gegenspieler ist ein Antiheld, der wider der etablierten IW-Schablonen wirkt. Requiescant genannt, da er die Seelen der Toten mit einem "Requiescat in pace" verabschiedet. Ein seltsamer Heiliger, dessen enorme Fähigkeit mit dem Colt umzugehen, buchstäblich vom Himmel fiel.
Mögen sie in Frieden ruhen ist ein innovativer, intelligenter, politischer wie anklagender Western, der zur Speerspitze des Genres zählt.!
Frank Faltin